Review
PSEUDO - Das Hörbuch
Manchmal ist es ganz angenehm, wenn nicht alles sofort nach vorne geprügelt wird.
Wir leben in einer Zeit, in der alles laut, schnell und am besten gestern schon wieder vergessen sein soll. Da wirkt ein langsam vorgelesenes Hörbuch fast schon wie ein kleiner Gegenangriff. Kein Algorithmus-Geballer. Kein „nur noch kurz“. Einfach jemand, der erzählt. Und wenn das dann auch noch ein Zeitzeuge macht, hört man anders zu.
„PSEUDO - Das Hörbuch“ von Roland Scheller läuft rund 16 Stunden und steht kostenlos auf YouTube. Das ist schon mal eine Ansage. Sechzehn Stunden Punkroman, vorgelesen vom Autor selbst. Wer lesen gerade anstrengend findet oder grundsätzlich lieber hört als blättert, kann sich das Ding also direkt reinziehen.
Ich bin noch nicht ganz durch. Ungefähr bis zur Hälfte habe ich es bisher geschafft. Und genau deshalb mache ich hier auch nicht so, als hätte ich schon jede Ecke dieses Hörbuchs ausgeleuchtet. Bis dahin gibt es aber viele schöne kleine Anekdoten, genug Szenegefühl und keine Peinlichkeiten, bei denen man sich unter dem Tisch verstecken möchte. Selbst die seltenen Versprecher wirken eher charmant als wie ein Fehler. Das ist dann eben kein glattgebügeltes Studiohörbuch aus der Hochglanzabteilung, sondern jemand erzählt seine Geschichte.
Roland weist selbst darauf hin, dass das Kapitel über die Chaostage in Hannover 1983, „Meine ersten Chaostage“, in Teil 6 des Hörbuchs steckt. Das klingt natürlich wie ein Schild mit der Aufschrift: „Hier entlang, ihr Banausen.“
Das Buch selbst ist übrigens auch kaufbar. Laut Roland liegen wieder frische, handsignierte Exemplare des Kieler Punkromans PSEUDO im Plattenladen Fischkopp, inzwischen sogar als Tetralogie. Extra Regal für Punkliteratur inklusive. Und ja, das klingt schon wieder so, als müsste man da eigentlich mal hin.
Kauft das Buch ruhig. Oder schickt Roland ein paar Euro. In so einem Buch und auch in so einem Hörbuch steckt Zeit, Arbeit und vermutlich mehr Kaffee, als medizinisch empfehlenswert ist. Wir wollen doch unsere Szene supporten, oder?
Ich werde mir die Buchreihe auf jeden Fall irgendwie zulegen. Selbst wenn sie am Ende nur zur Deko irgendwo herumsteht. Oder dafür sorgt, dass mein Tisch endlich nicht mehr kippelig ist. Auch das wäre ja ein kultureller Beitrag.
Und NEIN: Ich wurde für diesen Beitrag weder bezahlt noch beschenkt.